Ah, meine Predigt!
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!
1 1/2 Jahre Konfi-Zeit gehen heute zu Ende für euch! Stellt euch vor, es ist Dienstag, 16.30 Uhr, und da klafft eine Lücke im Terminkalender: Nix mehr los mit Stuhlkreis und Geplapper und Geplauder, vor Konfi und nach Konfi und währenddessen sowieso. Übermorgen ist es schon so weit: Kein Konfi mehr, nur noch Langeweile. Glaubt mir, wir, eure Konfibegleiter werden euch schrecklich vermissen! Denn, ich glaub, ich kann das so sagen, ihr 21 wart der eigenständigste und eigenwillligste Konfikurs, den wir je hatten. Und Kai und Christoph haben da ja nun schon jede Menge Erfahrung. Obwohl: Auch bei euch gibt es die Lauten und die Leisen und so habt ihr auch immer zusammengehockt: Hier leise, da laut. Aber etwas war immer deutlich: Selbstbewußt und aufgeweckt seid ihr alle, ihr wart alle stark. Bei den einen ist der Lautstärkepegel nur halt immer etwas mehr aufgedreht, manchmal auch übersteuert. Und fast ohne Ausschaltknopf, scheint mir. Als Konfigruppe gabs unter euch aber nie Boshaftigkeiten, Ihr habt euch alle, so sehe ich es, wirklich respektiert, ob laut oder leise. Und auch ob gebürtige Busecker oder Zugezogene, ob als Giessener oder Busecker Schülerinnen und Schüler. Trotz eurer so unterschied-lichen Lautstärken, ihr wart eigentlich immer eine recht gut gelaunte Gruppe.
Natürlich seid Ihr alle auch sehr unterschiedlich, z. B. mit unterschiedlichem Schlafbedarf auf Konfi-Seminaren. Und die Jungs schienen uns ja anfangs in einer erbarmungswürdigen Minderheit, 3 Jungs gegen 18 Mädchen. Aber wer hätte gedacht, dass Eugen am Ende gleich von 2 Seiten geküsst würde, zu später Stunde in Fronhausen. Wers nicht glaubt, braucht ja nur im Internet die Fotos anzuschaun auf eurer Konfi-Homepage. Na und Jan hatte sowieso nie Berührungsängste mit der dominanten Weiblichkeit. Und auch Artur konnten die Mädchen niemals verunsichern.
Ach, was für eine bewegte Zeit geht da doch zu Ende: Für euch! Und auch für uns, eure Konfi-Begleiter. Denn wies aussieht, geht für Kai und Christoph auch dieser Abschnitt zu Ende in ihrem Leben: Als Profi - Konfi-Begleiter. Und mit ihrer Verlässlichkeit und Einsatzfreude scheint da auch eine Ära für mich zu Ende zu gehen. Wer wird denn bei zukünftigen Konfi-Seminaren all das Equipment beisteuern, all die überraschend vorhandenen Werkzeuge und Kramerkisten, all die Kameras oder Computer, Gaskocher und gigabytestarke Musikauswahl, elektrische Kühlboxen oder Halogenscheinwerfer mit Stativen für nächtliche Basketballspiele, Sat -Schüsseln und TV-Monitore. All die Großraumanhänger und Kombifahrzeuge, so guinessbuchverdächtig vollgepackt, dass man die Konfi-Freizeiten von den Autoherstellern hätte sponsern können, als Kofferraumwerbung. Ihr Konfis seid diesen, euren Konfi-Begleitern ja längst sehr verbunden und dankbar. Im Chat und im Online-Gästebuch kann mans ja täglich lesen, doch Ihr könnt euch denken: Ich bin ihnen noch viel mehr dankbar!
Und so konnten auch nur mit ihrer Hilfe all die Leitern entstehen für euren Vorstellungsgottesdienst, die auch heute noch mal die Kirche schmücken.
Wißt Ihr noch, wie es zuging am 1. Abend auf dem letzten Konfi-Seminar: Im holzgetäfelten, ehemaligen Gerichtssaal, im Alten Amtsgericht in Fronhausen?
Dieses Sägen und Hämmern und Werkeln in sieben 3er-Gruppen! Und bei lauter Musik. Und dann das Bunt-Anmalen bis spät in die Nacht. Denn erst musste die eine Seite ja trocknen. Aber Ihr wart mit Lust und Eifer dabei, auch wenn der Raum und die Werkzeuge und Pinsel kaum ausreichten für sieben gleichzeitige ausufernde Bauprojekte. Manche warteten geduldig und hatten dabei erst gute Ideen für ihre besondere Leiter, die schiefen Sprossen, die schwebende Sprosse zum Himmel hoch, über alle irdischen Maße hinaus, im Gang rechts. Manche fingen als erste an und waren als letzte fertig, andere warteten cool auf eine der Sägen und Hämmer oder Taschenmesser und waren dann trotzdem die schnelleren. Manche malten ihre Leiter sogar noch mal ganz neu an, damit sie zu ihren teuflischen Spielideen auch passe. Und keiner von uns wusste, worauf das alles hinauslaufen würde an diesem Abend, aber es wurde ein totales Bastelfest. Und am nächsten Tag ein mutiges Ausprobieren und Improvisieren in sieben Grüppchen. Mit den sieben bunten Himmelsleitern.
Und unser Thema bekam etwas Sichtbares, obwohl es eigentlich etwas ziemlich Unsichtbares war: Beten. Mit Gott ins Gespräch kommen: Unser Thema. - Beten, das ist normalerweise die verborgene, die unsichtbare Seite unseres Glaubens.
Trotz der vielen vorgefertigten Gebete, die es ja gibt, besonders in der Kirche.
Und trotz allem Händefalten oder anderen Gebetshaltungen, wie wir sie auch ausprobiert haben dort. Jedes Gebet ist eigentlich unsichtbar und unhörbar, nämlich in seiner gefühlten und persönlich gelebten Beziehung zu Gott. Wie ich es innerlich meine und wie ich wirklich seelisch dabei bin, beim Beten: Ganz unsichtbar! All das ist etwas, was nur Gott spürt, so wie ich selbst. So, wie wenn ihr jemanden liebt, nur der oder die das wirklich auch so spüren kann: Eure tiefsten Gefühle. Andere können das nur erraten und erahnen, von außen.
Aber diese Leitern haben uns geholfen, das Verborgene sichtbarer zu machen: Denn Gebete sind wie Brücken zwischen Gott und den Menschen. Und alle eure Einfälle kamen hinzu und es wurden sieben bunte Szenen zu den Gedanken, die wir über das Beten entwickelten. Und es gab viele wunderschöne Momente, heilige Momente in eurem Spiel.
Musik (Why Oh Why) - (1. Szene) "Beten heißt Bitten, für sich selbst, aber auch für andere!"
Da trickst ein völlig cooler Engel einen Geizhals aus, mit ganz kleinen, gewitzten Handbewegungen und lässt einen betenden Obdachlosen den gedeckten Tisch finden, während der gierige Geizhals einem Aprilscherz auf den Leim geht. Sabines Engels-Würde, Eugens Moped-Gerase und Schlüsselsuche in allen Hemd-und Hosentaschen und Arturs demütig gespielte Dankbarkeit bleiben mir im Gedächtnis.
Musik (Bitter Sweet Symphony) - (2. Szene) "Beten heißt auch Danken, auch für das scheinbar Selbstverständliche!"
Da schenkt ein gutherziger Mensch einem hungrigen Bettler seine volle Bäckertüte, der bedankt sich bei Gott, sein Gebet wandert zur Kanzel hoch und Gott bedankt sich ganz anonym, indem er die Wolken schiebt mit dieser Leiter und den Dauerregen beendet für unseren freundlichen Helfer. Und der weiß gar nicht wieso. Aber Ann-Kathrin aalt und räkelt sich in der vermissten Sonne, endlich ohne Regenschirm. Und Julia betet mit vollem Mund und dicken Backen, so ausgehungert. Und Lisa strahlt von der Kanzel wie ihre selbstgebastelte Sonne.
Musik (Like Ice In The Sunshine) - (3. Szene) "Beten heißt auch Loben, einfach aus Lebensfreude Gott nicht vergessen!"
Da haben die drei, Christin, Kathrin und Anne unsere Lockerungsübungen weiter entwickelt: Ausprobiert, was sich phantasievoll, sportlich so alles mit einer Leiter anfangen lässt, zu dritt. Und plötzlich waren sie wie Kinder auf einem Spielplatz. Voller Lebenslust und Spielfreude, fast ausgelassen. Und sogar Anne schaukelte und sprang von fast ganz oben. Und Christin hüpfte und wippte fast wie in Kinder-tagen. Und Kathrin lachte strahlend wie eine Zirkusprinzessin. Und die ganze Gemeinde strahlte zurück.
Musik (Ameno) - (4. Szene) "Beten heißt auch Klagen, nicht gleichgültig werden, auch Gott fragen: Warum?"
Da nageln und hämmern Anika und Anika und Jan ihre Klagen und Katastrophen-meldungen aus aller Welt an ihre Leiter: Wie kannst du das zulassen, Gott?
Wo bist du, Gott? Und entdecken kurz darauf, dass die Klageleiter sich als hilfreiche Krankenbahre noch gut gebrauchen lässt. Und sie dadurch selber helfen können, denn vor ihren Füßen liegt jemand. Klagen hilft, sich nicht abzufinden mit dem Leid und die eigenen Möglichkeiten wieder zu entdecken. Gut, dass es Klageleitern gibt! Und betende Christen mit Hammer, wie Anika und Anika und Jan.
Musik (Credo) - (5. Szene) "Beten heißt auch Vertrauen, und erkennen, wer mein Vertrauen wirklich verdient!"
Da kämpfen Carolin und Rebecca als Gott und Satan um den Glauben einer Jugendlichen und die Leiter hat eine schwarze Feuerflammen-Seite und eine weiße heilige Seite. Und Gott wirkt erst ziemlich hilflos gegen all die Versprechungen und Verlockungen des Teufels. Aber dann ist Gott plötzlich selbst gewalttätig und brutal. Und in ihrer Verwirrung vertraut sich die betende Jugendliche Anika dem Satan an, denn der ist nun der Schwächere, der Hilfsbedürftige. Aber am Ende war alles nur ein Traum, ein Alptraum: "Aufwachen, Anika, es ist Sonntag, wir müssen zur Kirche!"
Verwirrend, was? Aber vielleicht steckt ja in diesem "zur Kirche müssen" die Auflösung: Wo Glaube mit Zwang vermittelt wurde, bekam Gott immer etwas Teuflisches, überall in der Geschichte der Religionen. Und das Mädchen träumt, worunter sie als Kind leidet: Dass sie Gott nur als Druckmittel in ihrer Erziehung vermittelt bekam, voller Angst oder Schuldgefühle. "Aufwachen, wir müssen zur Kirche!" Ihr drei habt eure Szene voller Leidenschaft so erfunden. Nun hab ich sie hier mal versucht zu interpretieren. Zu weitgehend?
Aber ich bin sicher, ihr drei Plappermäuler habt Kirche und Konfi nie so zwanghaft teuflisch erlebt in unserer gemeinsamen Zeit und Gott konnte euch ein verlässlicher, unsichtbarer Freund bleiben.
Musik (Komodo) - (6. Szene) "Beten heißt auch Stille entdecken, und so sich selbst und anderen gerecht werden!"
Da betet eine Karrierefrau ihre Karriereleiter an und verliert dabei völlig den Kontakt zu ihrer Tochter. Ich selbst hätte ja gern einen Karrieremann da gesehn, weil ich glaube, dass es häufiger ein Männerproblem ist, seine Familie zu vernachlässigen. Aber ihr drei, Katja, Anastasia und Irine, wolltet eine Karrierefrau! Sehr modern, also - und Anastasia hatte auch nur Augen für ihre Aufstiegsleiter. Erst ein Engel musste ihr ins Herz sprechen und ihren Ehrgeiz von den falschen Wunschbildern abbringen, hin zur vereinsamten Tochter.
Und die Leiter wird durch Stille und Besinnung in Zeitlupe und Meditationsmusik zur Brücke zwischen Mutter und Tochter, auch zur Brücke der Aussöhnung und Vergebung: Irine und Anastasia umarmen sich herzlich.
Glaubt mir: Auch auf falschen Wegen und Irrwegen im Leben geht immer ein Engel mit, um euch wieder heimzuführen auf bessere Wege. Nicht immer so engelhaft, wie Katja, aber ebenso klug und weise. Ihr müsst ihn nur in euch flüstern hören.
Glaubt mir, ihr Konfis, ihr seid vom Himmel her nie allein!
Musik (Teenage Dirtbag) - (7. Szene) "Beten heißt auch Helfen und spüren, wo man gebraucht wird!"
Da tragen Gloria und Kim gemeinsam eine Leiter wie zwei Handwerkerinnen, die eine mit dem Blick nach oben, die Leiter auf der Schulter, die hintere mit dem Blick zum Boden, ebenso ihr Leiterende. Und so entdeckt die eine verletzte Lara vor ihren Füßen. Da kann sie nicht drüberwegsteigen. Da will sie helfen. Aber die Vordere will weiter, Termine einhalten, Geld verdienen, vorwärts kommen. Kann aber nicht.
Die Leiter kettet sie an die Hintere, Mitfühlende. Und es entsteht ein Kampf zwischen den beiden, ein Zerren und Ziehen an der Leiter. Aber die Vordere kann nicht allein weiter, sie braucht die Hintere zum Tragen und die ruft um Hilfe. Und alle helfen, alle Konfis helfen Lara wieder auf die Beine, Alle, außer einer!
Die bleibt einsam und alleine auf ihrem Tisch stehn, bis alles abgebaut ist, die ganze Bühne. Und ganz zuletzt "Na gut, dann helf ich eben auch." Das war eine mutige Rolle, von Gloria, so auszuharren, in gespielter Arroganz, ganz allein. Wie ein Denkmal für Egoisten stand sie da.
Und der Leiterkampf: Die Eigensüchtigen brauchen die Gutmütigen in der Gesellschaft. Aber nur Mut und Liebe der `Gut-Mutigen´ können jene verändern und erlösen. Und runterholen vom Sockel ihrer Selbstgefälligkeit.
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, mit all euren Spielszenen will ich euch heute noch mal erinnern: Vertraut dieser verborgenen Macht der Liebe in der Welt, auch wenn es überall oft so aussieht, als hätten die selbstgefälligen Sockel-Egoisten das Sagen. Und hätten wohl alle Macht, alle ihre Wünsche auszuleben. Nur sie selber wissen, wie einsam sie im Innersten sind, mitten im Bewundertwerden.
Und wie unbefriedigt sie bleiben in jeder Wunschtraumerfüllung. Sie müssen sich sogar ihr Glück vorspielen, sich selbst und allen anderen.
Aber es gibt nur einen wirklichen Reichtum, den dieses Leben wahrhaftig zu bieten hat: Das ist der Reichtum einer herzlichen Gemeinschaft. Und Gemeinschaft heißt: Nicht nur die Lauten für sich oder nur die Leisen oder nur die Coolen oder die Uncoolen unter sich, sondern alle miteinander! So wie ihr als Konfi-Gruppe, buntgemischt und dennoch offen füreinander, so sollt ihr auch heute miteinander feiern in euren Familien: Buntgemischt mit alten und jungen, nahen und fernen Verwandten, aber herzlich und offen füreinander. Und heute abend dann alle wieder gemeinsam beim `Rundgang´ von Haus zu Haus.
Das wünschen wir euch.
Denn, glaubt mir, Gottes Liebe in unserem Miteinander und Füreinander-Dasein, solche herzliche Gemeinschaft ist der einzige Reichtum dieser Welt, der hält, was er verspricht.
Amen
(Wolken vertreiben mit Lisas Leiter für einen sonnigen Nachmittag)
Dabei Musik (Knocking on heavens door)